Was wollte Jean-Pierre de Caussade? 2
19/12/2021

Aus dem Vorwort von „Hingabe ans Jetzt“ von Jean-Pierre de Caussade, ISBN 978-3-7543-5198-7. Ich werde in Abständen hier Auszüge aus meinem Vorwort sowie aus de Caussades Texten veröffentlichen.

Warum soll man dieses Buch überhaupt lesen? Wie gesagt, weil es glücklich und innerlich frei machen kann. Ist es auch für Leser geeignet, die sich nicht im Christlichen verorten? Den Versuch wäre es jedenfalls wert. Wahrscheinlich kommt es hier auf die Widerstände an, die Begriffe wie ‚Gott‘ oder ‚Glauben‘ bei manchem hervorrufen. Zum vorliegenden Buch kann man jedenfalls anmerken: Kaum je ist eine christliche Lebensschule so undogmatisch, freiherzig und wahrhaftig formuliert worden. An keiner Stelle geht es um Glauben an irgendetwas, seien es Namen, Dogmen, Lehren oder Geschichten. Sondern um den Glauben als Urvertrauen und Lebenskraft, die jedem und darunter nach Aussage des Autors auch ausdrücklich den „schlichten Seelen“ gegeben ist – also jenen, die nicht Theologie studiert haben und sich für dergleichen auch nicht interessieren. Und weiter: Was ist mit der Sprache des 18. Jahrhunderts? Wie umgehen mit Begriffen wie „Heiligkeitsschimmer“, „Geschöpflichkeit“ oder „Standespflichten“. Das mag an manchen Stellen altbacken klingen und sogar bedrohlich, wenn man Formulierungen liest wie: „Halten Sie sich niedrig“ oder „verdemütigen Sie sich“, verbunden mit der Aufforderung zu „heiliger Selbstverachtung“. Hier heißt es, genau hinzuschauen und sich nicht von historischen Begrifflichkeiten verwirren zu lassen. Sie dominieren dieses Buch keineswegs. Zudem lassen sie sich in moderne Terminologie übertragen, man könnte an solchen Stellen vielleicht von den Instanzen des „Ego“, des „Über-Ich“ und des wahren, des göttlichen Selbst sprechen. Ablesbar wird das an de Caussades Ratschlägen, die sich gegen Selbstanklagen und moralischen Rigorismus richten. So befindet er, dass das „Unbehagen, das aus der Häufigkeit unserer kleinen Übertretungen entspringt“ vom Bösen herrühre. Wir müssten also, so schreibt er, jenes „als eigentliche Versuchung bekämpfen.“ Wohlgemerkt, nicht derjenige, der Fehler begangen hat, ist hier angeklagt, er ist entlastet. Allein seine Moralvorstellungen und Ansprüche werden als das Übel identifiziert und sie sind es, die zu bekämpfen seien. Die genannte „Verdemütigung“ bezieht sich also an keiner Stelle auf eine Unterwerfung unter eine moralisierend kontrollierende Instanz und schon gar nicht auf äußere Autoritäten. Sondern auf eine Akzeptanz des Lebens, eine Akzeptanz der Wirklichkeit, in der sich Gottes Wille von Augenblick zu Augenblick ausdrückt. 

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