Auf die Richtung kommt es an
11/10/2018

David Godman, der Chronist des Ramana Maharshi, hat in dem Buch „Sei, was du bist“  auf mögliche Missverständnisse hinsichtlich der Selbstergründung hingewiesen. Die Selbstergründung ist nach Ramanas Auffassung nicht, wie manche Advaita-Lehrer vorschlagen, eine mantrahafte Selbstbestätigung, in der man Sätze wie „Ich bin Brahman“ oder „Ich bin Er“ wiederholt. In der Schule des Jesusgebets wird in dieser Weise gelegentlich die Formel „Ich in dir und du in mir“ oder ähnliches verwendet.
Da Selbstergründung oft mit der Frage beginnt „Wer bin ich?“, haben viele Anhänger des Advaita angenommen, die Antwort sei „Ich bin Brahman“ und haben sich im Geist mit der Wiederholung dieser im Denken entstandenen (Pseudo-)Lösung beschäftigt. Ramana hat diesen Ansatz kritisiert, weil er auf der Ebene des Geistes verbleibe. Auf diese Weise könne der Geist nicht in seine Quelle hineinsinken und verschwinden.
Ebenso kritisierte er die Praxis „Wer bin ich?“ als Mantra zu benutzen.
Beide Methoden gingen nach seiner Meinung am Kern der Selbstergründung vorbei. Die Selbstergründung sei weder eine Methode, den Geist zu analysieren noch ein Mantra. Sie sei nur ein Werkzeug, das uns hilft, die Aufmerksamkeit von den Objekten des Denkens und Wahrnehmens umzulenken. Es kommt also auf die Richtung der Frage an, nicht auf eine begriffliche Antwort. Nach Ramanas Auffassung wird die Lösung der Frage „Wer bin ich?“ nicht im Geist oder durch ihn gefunden, die einzig wirkliche Antwort bestehe in der Erfahrung der Abwesenheit des Geistes.
Ein anderes Missverständnis entspringt aus dem sogenannten Neti-Neti-Prozess. Dies ist die unterscheidende Praxis, die oft am Anfang der Selbstergründung steht. Der Wahrnehmende erkennt die Objekte der Wahrnehmung als Objekt und unterscheidet: da ist ein Gedanke, also bin nicht ich der Gedanke. Da ist eine Empfindung, ich bin nicht diese Empfindung, denn ich kann sie ja wahrnehmen usw.
Unübersehbar ist dies eine Übung der Dualität: Ich hier, dort das Objekt. Endgültig zu kurz gegriffen ist die Praxis dann, wenn der Wahrnehmende die Objekte der Wahrnehmung ablehnt, in der Hoffnung, dass das „wahre Selbst“ dann irgendwann in unvermischter Form zu Tage treten würde. „Ramanas Einstellung zu dieser Methode war gänzlich ablehnend“, schreibt David Godman. Seine Antwort auf die Frage nach der Wirksamkeit dieser Übung war, „das der Ich-Gedanke durch eine solche Anwendung des Unterscheidungsvermögens aufrecht erhalten wird und dass das ‚Ich‘, das Körper und Geist als ‚Nicht-Ich‘ ausschließt, sich nicht selbst auflösen kann“.
Sinn machen kann die Neti-Neti-Übung, wenn sie dazu genutzt wird, die Aufmerksamkeit von den Objekten abzuziehen. Es geht hier also nicht um Zurückweisung, sondern um eine vorläufige Unterscheidung, die zu der Erkenntnis führen kann, dass das Wahrnehmen/der Wahrnehmende kein Objekt ist und deshalb auch nicht als ein solches erkannt werden kann.