Vorbilder und Inspirationen

Ich stelle hier überwiegend zeitgenössische Bücher vor. Ihnen, beziehungsweise ihren Autoren, verdanke ich viel. Wer Zeit und Lust hat zu lesen, dem empfehle ich diese Literatur ausdrücklich. Von vielen dieser Lehrer findet man Videos auf YouTube bzw. man kann auch Medien über deren Websites herunterladen.

Jean-Pierre de Caussade, Hingabe ans Jetzt

Irgendwann im Sommer 2021 stieß ich im Internet auf das Buch „Hingabe an Gottes Vorsehung“ von Jean-Pierre de Caussade, einem Jesuiten des 18.Jahrhunderts. Ich war davon sofort fasziniert, leitet es doch in klaren Begriffen an zu einem Leben im Hier und Jetzt, zu einem großen Ja zum Leben. Doch das Buch war vergriffen, bzw. gebrauchte Exemplare wurden nur teuer angeboten. Nach der anfänglichen Idee, ein paar Kopien für Freunde anzufertigen, habe ich mich entschlossen, das Buch ganz neu herauszubringen. Ich habe den Text sprachlich zu aktualisiert, ihn in mit einem Vorwort in einen zeitgenössischen Kontext gestellt und ihm auch einen neuen, zeitgemäßeren Titel gegeben: „Hingabe ans Jetzt“. 
Das Grundthema de Caussades ist die kontemplative Lebenshaltung. Sie ist gekennzeichnet durch eine unbedingte Bejahung der Wirklichkeit, so wie sie sich im gegenwärtigen Moment darstellt – auch außerhalb von festgelegten Meditationszeiten. „Nicht dieses oder jenes bringt segensreiche Wirkungen“, schreibt er, „sondern das, was Gott im Augenblick will. Was im verflossenen Moment am besten war, ist es gegenwärtig nicht mehr. Der Wille Gottes fehlt nun. Er erscheint jetzt in anderer Gestalt, nämlich als Pflicht des gegenwärtigen Augenblicks. Und diese Pflicht, in welcher Gestalt auch immer sie aufritt, bildet das, was die Seele zur Zeit am meisten heiligt.“ Klarer kann man aus religiöser Sicht den Aufruf nicht formulieren‚ „ganz in der Gegenwart zu leben“. In spiritueller Lektüre bewanderte Leser werden bei de Caussade vielfach Begriffe aufscheinen sehen, die in östlich orientierten Lehren eine Rolle spielen: Präsenz (Presence), Unterwerfung (Surrender), Erleuchtung, Erwachen, Bhakti (hingebende Liebe) und Dharma (die richtige Lebensweise). Mir scheint, dass mit Jean-Pierre de Caussade ein großer Meister der Spiritualität wiederentdeckt werden kann. 
Ihr erhaltet das Buch im Buchhandel und allen anderen Adressen, wo man Bücher erwerben kann. Die ISBN-13 lautet 9783754351987. Hier die Links zu Amazon und dem Verlag BoD

Francis Lucille, Wahrheit Liebe Schönheit

Francis Lucille ist ein direkter Schüler Jean Kleins und der Lehrer von Rupert Spira. Vor ein paar Jahren fand ich seinen „Stil“ spröde, heute finde ich ihn präzise und glasklar. So kommen die Bücher zur passenden Zeit. Er schreibt: „Wenn ein Suchender zum ersten Mal einen Lehrer trifft, glaubt er, er „Ich bin dieses Körper-Mentalgefüge und nicht der Rest der Welt“. Wenn ich „dies“ bin, kann ich nicht „das sein“. Ihm wird gesagt: Also gut, wenn das Mentale und der Körper betroffen sind, bist du dann „dies“, das bezeugende Bewusstsein, das den Körper und das Mentale wahrnimmt, oder bist du „das“, die Ansammlung von wahrgenommenen Objekten, die das Körper-Mentalgefüge ausmachen? Diese Wahl vor Augen, antwortet er: „Ich bin das bezeugende Bewusstsein.“ … Nun ist das Bewusstsein zu „diesem“ geworden. Folgerichtig mussten der Körper und das Mentale zu „jenem“ werden. … Im zweiten Schritt wird ihm gesagt, „Diese bezeugende Gegenwart ist unpersönlich, weil sie nicht vom Körper-Mentalen abhängig ist… Da diese bezeugende Gegenwart in keiner Weise ein Objekt ist, ist sie auch keiner Begrenzung unterworfen.“

Douglas Harding ist einer der originellsten spirituellen Lehrer des vergangenen Jahrhunderts. Gerade weil er keiner Schule angehört und die nonduale Welterfahrung grundlegend selber erforscht hat, schlägt er einen erfrischend direkten Ansatz vor, praktische Variationen zu Ramana Maharshis Frage ‚Wer bin ich?‘. Die von ihm entwickelten Experimente rufen entweder ein gelangweiltes „na und?“ hervor, oder sie öffnen die Augen dafür, was wahrhaft da ist und was wahrhaft nicht da ist. Dazu gehört die erstaunliche Erkenntnis, dass man sich selber nicht sehen kann. Was wir von unserem Gesicht kennen, sind Spiegelbilder oder Fotos. Aber wir selber, aus Null-Distanz erfahren, sind nicht erkennbar, Nichts, reine Empfänglichkeit, die mit der Welt angefüllt ist und diese im Sehen immer neu erschafft. „Der äußeren Erscheinung nach bin ich ein Ding, das sich im Raum umherbewegt. In Wirklichkeit bin ich dieser unbewegte Raum selbst.“ Das ist der Ort, wo wir für immer Ruhe haben, und dieses ortlose Zentrum „bettelt geradezu darum, bemerkt zu werden.“ Natürlich können diese Erkenntnisse auch mit den anderen Sinnen gewonnen und bestätigt werden. Aber die großen Weisen und Mystiker, so Harding, werden nicht umsonst ‚Seher‘ und nicht ‚Hörer‘ genannt. Aus der Erfahrung des ‚Zwei-Weg-Sehens‘ – ein Sehen, das die eigene Quelle, das Nichts, nicht vergisst – entfaltet Harding wortgewaltige, kluge und präzise Erläuterungen. Wahres Sehen, so Harding, „ist eine Art globales Vergessen, ein Reinigungsgang für unser angestaubtes Universum, ein Fortspülen von Sedimenten aus Namen, Erinnerungen, Assoziationen, und alles darf ungewohnt, frisch und süß duftend bleiben.“ www.headless.org

Sal Poe ist ein amerikanischer Musiker und spiritueller Lehrer, der viele Höhen und Tiefen des Lebens ausgelotet hat, inklusive langjähriger Drogensucht. In seinem Buch ebenso wie in seinen „Intensives“ (Seminare in Tiruvannamalai, Indien) weist er direkt ins Hier und Jetzt. Dieses auch aus der Erfahrung heraus, dass die spirituelle Suche, verstanden als die Suche nach „besonderen Bewusstseinszuständen“, Analogien zur Drogensucht aufweist. Das wahre Leben ist Hier und Jetzt und es ist wie es ist. Ein entschlossener Ansatz, für jene, die es wirklich wissen wollen – es ist kein Zufall, dass dieses Buch hier in der Liste ganz oben steht.

Rupert Spira
Being Aware of Being Aware
New Harbinger, 2017, 104 S.

Rupert Spira ist der präziseste Lehrer aus der Tradition der Advaita. Auf den ersten Blick mögen manche seiner Aussagen philosophisch oder verkopft erscheinen. Nicht so in diesem Buch. Hier ist die Quintessenz dessen zusammengefasst, was er zu Selbsterforschung und Non-Dualität zu sagen hat und er entfaltet dabei eine unübertroffene Klarheit. Ein Buch zum langsam lesen, kontemplieren, meditieren. Das Buch liegt unter dem Titel „Bewusstsein bewusst sein“ (Daniel Peter Verlag) inzwischen auch auf Deutsch vor.

Joel S. Goldsmith
Die Gegenwart Gottes praktizieren
Heinrich Schwab Verlag, 5.Auflage 2015, 200 S.

Der amerikanische Mystiker Joel S. Goldsmith (1892-1964) ist im zeitgenössischen Diskurs über Nondualität weitgehend unbekannt. Doch seine Schriften wären es wert, von einem ein breiteren Publikum entdeckt zu werden. In einzigartiger Weise verbindet er christliche Mystik mit Aspekten von Advaita. „Was nützte es aber der Welt, wenn all die Jesusse, Buddhas und Shankaras, die es gab, ihr Christussein entwickelt hätten, wir aber nicht? Alle diese Gestalten wurden jahrhundertelang angekündigt, das Kommen des Christus aber ist nicht das Kommen eines Menschen, der vollkommen ist, sondern das Kommen der Vollkommenheit von euch und von mir … Sie alle haben in ihrem persönlichen Leben große Opfer gebracht, um die tiefere Wahrheit zu zeigen und zu lehren, dass ICH BIN“. (aus Goldsmith: „Die spirituelle Botschaft der heiligen Schrift“)
Didaktisch betrachtet ist Joel S. Goldsmith das Gegenteil von Rupert Spira: Er kann und will überhaupt nichts erklären. Wo er es versucht, misslingt es grandios. Seine Bücher, von denen das oben genannte pars pro toto stehen soll, sind überwiegend prophetisches Sprechen. Sie übermitteln etwas, das mit Worten und Buchstaben eigentlich nicht zu vermitteln ist, die Kommunikation funktioniert auf einer anderen Ebene.
„Wenn wir aufhören, uns um uns selbst zu sorgen und erkennen, dass wir als Gott existieren, der sich auf individuelle Weise selbst erfüllt, und dass die Verantwortung auf Seinen Schultern ruht, dann geben wir unseren falschen Verantwortlichkeitsbegriff auf. Gott erfüllt Seine Bestimmung als individuelles Sein, wenn wir zur Seite treten und Ihm das Handeln überlassen“. (aus Goldsmith: „Die Gegenwart Gottes praktizieren“)

Jean Klein
Nichts als Ewigkeit
Noumenon Verlag, 2012, 190 S.

Jean Klein (1912-1998) war ein französischer Arzt und Musiker mit deutschen Wurzeln, der in den 1950er Jahren in Indien die Lehren des Advaita kennenlernte. Der Originaltitel des Buches ist „I AM“ und Klein schreibt dazu: „Gleich von Anfang an betonen wir den ultimativen Nicht-Zustand, das Gewahrsein selbst. Es gibt keine Entwicklung von einem Zustand oder einer Ebene auf eine andere“.
Wie man sein Buch verstehen könne? „Das Verstehen dieser Dialoge zeigt sich nicht im Verstand…. Die Fülle und wirkliche Bedeutung dieser Worte liegt in der Tatsache, dass sie nicht aus dem Denken hervorgehen, sondern aus der Stille jenseits der Gedanken, dem ‚Ich bin‘“. Das Buch sei zu lesen wie Poesie: „Wenn wir Poesie lesen, geht es nicht um eine Übereinstimmung oder um eine Meinungsverschiedenheit… Wir warten aufmerksam und ohne Schlussfolgerung darauf, dass uns das Gedicht finden kann… Die Worte sind lediglich ein Katalysator der wahren Formulierung, die im Leser stattfindet.“

Martin Laird
Into The Silent Land
Oxford University Press, 2006, 154 S.

Dem amerikanischen Augustinerpater Martin Laird ist es zu verdanken, dass Elemente des Advaita auch in die christlich-spirituelle Literatur Eingang gefunden haben. Laird merkt dazu an, dass er sich mit dem Werk der zeitgenössischen Lehrerin Antoinette Varner (Gangaji) auseinandergesetzt hat. Er verbindet dies mit einer tiefen Kenntnis christlich-spiritueller Quellen von Evagrius über Augustinus bis zu Johannes vom Kreuz – um nur weniges aus seiner umfangreichen Literaturliste zu benennen. In klaren und klugen Schritten führt er den Leser in das kontemplative Gebet ein und gelangt dabei zu Fragen, wie sie auch Advaita-Lehrer stellen: Worin erscheinen Gedanken und Gefühle? Was ist die Natur von Gedanken und Gefühlen und wer ist sich ihrer bewusst?“ Lairds Buch ist pointiert, präzise und von tiefer Weisheit geprägt. Es ist eine hervorragende und dringend zu empfehlende Ergänzung zu dem in Deutschland weit verbreiteten Buch von Franz Jalics über die Kontemplativen Exerzitien. Das einzige Rätsel ist, warum Lairds Buch noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Cynthia Bourgeault
Centering Prayer and Inner Awakening
Rowman & Littlefield, 2004, 178 S.

Auch Cynthia Bourgeaults verdienstvolles Buch zum kontemplativen Gebet wartet noch auf seine Übersetzung ins Deutsche. Die Theologin gehört zu der amerikanischen kontemplativen Bewegung des Contemplative Outreach, die von Trappistenmönchen um F. Thomas Keating ins Leben gerufen wurde. Anders als bei der deutschen Schule um Franz Jalics SJ, die auf das mantrische Jesusgebet der Ostkirchen zurückgeht, beruft man sich in dieser Gruppe auf „Die Wolke des Nichtwissens“, ein geistliches Werk des 14. Jahrhunderts. Beschrieben wird ein offenes, unfokussiertes Gewahrsein, ein Hineinsinken der Aufmerksamkeit ins „Herz“ und das innere Klingenlassen eines möglichst einsilbigen Gebetswortes. Bourgeault versteht ihr Buch als Präzisierung und zeitgenössische Ausformulierung der Lehren von Thomas Keating. Es ist als Einstiegslektüre in die Kontemplation sehr gut geeignet.

Franz Jalics
Kontemplative Exerzitien
Echter Verlag, 12.Auflage, 2009, 400 S.

Franz Jalics Buch hat zu einer Wiederbelebung und Popularisierung des kontemplativen Gebets in Deutschland geführt. Es spiegelt den Ablauf der von ihm entwickelten „Kontemplativen Exerzitien“, die heute auch als Grieser Weg bezeichnet werden (nach dem langjährigen Wohn- und Wirkungsort von Franz Jalics in Gries/Oberfranken). Es berichtet von seinem eigenen geistlichen Weg und leitet in langsamen und nachvollziehbaren Schritten zum Gebet an. Einen wesentlichen Teil des Buches nehmen Dialoge ein, die Franz Jalics mit Teilnehmern von kontemplativen Exerzitien geführt hat – viele Fragen, die während intensiver Gebetszeiten aufkommen können, werden darin ausführlich behandelt. Es bietet damit eine ausgezeichnete Didaktik für alle, die mit dem kontemplativen Gebet beginnen möchten.


Adyashanti
The Way of Liberation
Open Gate Sangha, 2013, 54 S.

Adyashanti (Steven Gray) ist ein amerikanischer Meditationslehrer mit einem Background im Zen. Die von ihm propagierte Meditationsmethode entspricht exakt der Kontemplation nach der Wolke des Nichtwissens und den Ausführungen von Thomas Keating OCSO. Adyashanti bezeichnet das als “True Meditation”. Um Erwachen, Erleuchtung oder Selbst-Realisierung zu erreichen empfiehlt er eine Kombination von absichtslosem, stillen Dasein (True Meditation), Self Inquiry und Text-Meditation. Damit könnte er sich nahtlos in die christliche Tradition einreihen, was er aber wohl nach einigen ernüchternden Kirchenbesuchen bewusst unterlassen hat. Er hat eine ganze Reihe kluger Bücher verfasst, darunter auch eines über Jesus. The Way of Liberation ist eine knappe und praxisorientierte Anleitung zu Meditation und Self-Inquiry, die im Netz auch als kostenloser Download zu finden ist (https://www.holybooks.com/wp-content/uploads/The-Way-of-Liberation-by-Adyashanti.pdf).


Mooji
Vaster Than Sky, Greater Than Space
Coronet, 2018, 288 S.

Mooji ist der Meister der Herzen unter den zuweilen recht philosophisch argumentierenden Advaita-Lehrern. Seine Satsangs ziehen tausende von Besuchern an, sie sind spirituelle Happenings, die es sich mitzuerleben lohnt. Um Mooji herum hat sich ein Ashram mit klassischem Guru-Kult entwickelt – eine Kultur, die für manche sicher gewöhnungsbedürftig ist. Mooji kommuniziert am intensivsten direkt bei seinen Satsangs, auch per Video auf Youtube kommt sein Geist gut rüber. Seine Bücher wirken dagegen zuweilen farblos. Sie sind mitgeschriebene Dialoge, die immer und immer wieder um das Thema Self-Inquiry kreisen. Er selbst hat in einem Satsang einmal davon berichtet, dass eine Lektorin sich darüber beschwert hätte, es stehe in seinen Büchern immer wieder das gleiche drin, so etwas könne man nicht bearbeiten! „Vaster Than Sky“ sticht aus der Reihe seiner Bücher insofern heraus, als sich hier ein Redakteur dann doch die Mühe gemacht hat, eine Dramaturgie und Ordnung in die spontan gesprochenen Worte zu bringen. Moojis Warmherzigkeit und Liebe bleiben dabei erhalten, wer sein Wirken kennenlernen möchte, dem sei das Buch empfohlen.


Jeff Foster
Radikales Erwachen.
Via Nova, 2014, 216 S.

Jeff Foster beschäftigt sich in diesem Buch mit der Frage, wie wir Situationen annehmen können, die wir für unannehmbar halten. Tatsächlich ist dies eine zentrale Frage jeder geistlichen und psychologischen Entwicklung. Er erinnert sich daran, dass er selber lange geglaubt habe, „wenn ich nur jederzeit alles annehmen könnte, würde ich frei sein… Ich glaubte heimlich, dass der Schmerz dann weggehen würde, wenn ich ihn nur annehmen könnte“. Annehmen war für ihn zu einer „Praxis“ geworden, die dazu diente, der Realität auszuweichen. Dahinter verbarg sich eine subtile Nicht-Annahme, ein Verknüpfen von „Erwachen“ an Bedingungen und eine Erwartung einer besseren Zukunft, die nur eintreten würde, wenn denn nur heute alles anders wäre.
Doch tiefe, radikale Annahme bedeute die Annahme genau der jetzt existierenden Wirklichkeit mit all ihren Abstufungen und Verwindungen – inklusive der Annahme der Nicht-Annahme. „Wenn du weißt, dass auch dein Nichtannehmen-Können zutiefst angenommen ist, dann ist das etwas, das selbst das schlimmste, verhärtete Leid im Kern zusammenbrechen lässt. Man könnte vielleicht sagen, dass alles Leiden darin besteht, dass wir blind gegenüber diesem tiefsten Angenommensein sind… Leid oder seelisches Unbehagen sind nicht länger etwas Schlimmes oder Böses, das transzendiert oder zerstört werden muss, sondern Gelegenheiten zu erkennen, was du in dir noch ablehnst“.


Scott Kiloby
Natural Rest for Addiction
Nonduality Press, 2017, 224 S.

Dieses Buch hat unter den hier vorgestellten am deutlichsten eine psychologische Ausrichtung. Es spricht die Tatsache an, dass die meisten Menschen mehr oder weniger bewusst und ziemlich häufig versuchen, dem gegenwärtigen Moment zu entfliehen. Für alle Arten der Ablenkung verwendet Kiloby den bewusst weit gefassten Begriff Suchtverhalten: vom Gebrauch von Substanzen jedweder Art über Spiel- und Arbeitssucht, Internet- und Pornosucht bis hin zu – Achtung! – der spirituellen Suche. Gemeinsam sei all diesen Aktivitäten der Versuch, der als unbefriedigend oder belastend empfundenen Gegenwart auszuweichen.
Scott Kiloby empfiehlt dagegen eine Art kontemplativer Praxis mit Elementen, die auch in der zeitgenössischen Körpertherapie verwendet werden. Dabei geht es, kurz gesagt, darum Empfindungen zu erkennen und nicht nur da sein zu lassen, sondern sie seelisch zu umarmen – auch wenn dies bei unangenehmen Empfindungen zunächst widersinnig erscheinen mag. Tatsächlich hat diese Praxis eine tiefe verwandelnde Kraft und führt idealerweise auch zum Abbau von suchtartigem Verhalten. Unter dem Namen „Welcoming Prayer“ und unabhängig von Kiloby taucht diese Praxis auch im Centering Prayer von Thomas Keating und seinen Nachfolgern auf.
Im Zusammenhang mit kontemplativen Retreats wird damit eine Möglichkeit an die Hand gegeben, unverarbeitete Energien sich entladen und transformieren zu lassen. Dies trägt maßgeblich zu den heilsamen, integrativen und läuternden Prozessen in der Kontemplation bei.